Mo., 10.07.17 | 04:50 Uhr
Das Erste
Mallorca: Dicke Luft im Urlaubsparadies
Am Strand von Palma haben die Urlauber schon Betriebstemperatur erreicht – es sieht nach einem weiteren rekordverdächtigen Jahr aus. Mehr als zehn Millionen Besucher werden erwartet. Ob das zu viel ist, darüber gehen die Meinungen auseinander.
Protest gegen Massentourismus in Palma
"Sehr schön bisher, das Wetter ist sehr schön, die Menschen alle nett, Essen, Trinken, alles schön", "Ja, ich bin schon das 40. Mal hier, und es jetzt schon unheimlich voll, man merkt, dass viele Leute nicht mehr nach Ägypten oder in die Türkei fahren. Es ist doch unheimlich voll hier", erzählen deutsche Urlauber. Genau dagegen demonstrieren diese als Urlauber verkleideten Einheimische. Ihr Protest gegen den Massentourismus in Palma. Damit, sagen andere, schneiden sie sich ins eigene Fleisch – denn die Insel lebt ja fast vollständig vom Tourismus. Aber diese Mallorquiner sagen: so geht es nicht weiter.
"Es reicht. Wir fühlen uns überrannt. Unsere Lebensqualität und die Umwelt leiden, alles ist aus dem Gleichgewicht geraten", sagt Manel Gomariz.
In den Sommermonaten schieben sich die Menschenmassen durch die Altstadt von Palma – wie Fremde in der eigenen Stadt fühlten sie sich, sagen uns die Rentner Manel und Jaume. Sie zeigen uns, was sie aufregt.
Illegal vermietete Wohnungen an Touristen
Für Einheimische werde die eigene Stadt unbezahlbar – immer mehr Wohnhäuser würden in lukrative Touristenherbergen verwandelt. AirBnB und Co. lassen grüßen. Bei diesem Haus konnten erst mehrere Strafanzeigen einen Umbau verhindern. Die Internetbörsen treiben die Preise in die Höhe, die Mieten haben sich in diesem Viertel nahezu verdoppelt. "Viele Menschen können sich die Mieten hier nicht mehr leisten. Sehen Sie, ein normaler Arbeiter verdient heute etwa tausend Euro, für den wird das in Palma ganz schwer. Wir sind eine Familie von vier Personen, bislang haben wir 650 Euro Miete gezahlt. Doch nun kosten Wohnungen tausend Euro. Viele ziehen weg von hier", erzählt Manel Gomariz.
Immer mehr Touristen – so kann es nicht weitergehen, sagt auch die links gerichtete Regionalregierung der Balearen. Allein in Palma gibt es wohl dreitausend illegal vermietete Apartments. Wir wollen wieder die Kontrolle zurückgewinnen, erklärt der Tourismus-Minister Gabriel Barceló.
"Wir werden Grenzen für solche Vermietungen setzen, damit es keine Exzesse beim Angebot gibt, denn langfristig ist ein zügelloses Geschäft negativ für den Tourismus selbst."
"Meine alte Wohnung kann ich nicht mehr bezahlen"
Wohin solche Auswüchse führen, sehen wir auf der Nachbarinsel Ibiza – bekannt für ihren lockeren Life-Style und die ausgeprägte Party-Kultur. Aber auch das gibt es hier: Menschen, die auf Parkplätzen in einem Wohnwagen schlafen, wie etwa die 78-jährige Rentnerin Carmen Fuentes. "Ich weiß nie, wo ich schlafen werde, manchmal eben hier. Meine alte Wohnung kann ich nicht mehr bezahlen."
Probleme haben aber auch Krankenschwestern und Ärzte. Deshalb hat das örtliche Krankenhaus in Ibiza zu einer ungewöhnlichen Maßnahme gegriffen – wegen der hohen Mieten auf der Insel wurde eine Etage im Hospital kurzerhand zu Wohneinheiten umgebaut. Das medizinische Personal, das zusätzlich im Sommer eingesetzt wird, kann hier zu erschwinglichen Preisen unterkommen.
"Unsere Mitarbeiter haben immer wieder Probleme bei der Wohnungssuche. Wir haben uns zu diesem Angebot entschlossen, um so die medizinische Versorgung zu gewährleisten", sagt Yago Gómez, Verwaltungsdirektor Hospital Can Misses.
Schiffe beschädigen Umwelt
Zurück nach Palma de Mallorca – Hochbetrieb im Hafen. Täglich legen dort gleich mehrere Kreuzfahrt-Riesen an und spülen Heerscharen von Touristen an Land. Zu tausenden finden sie sich dann in der Altstadt von Palma wieder.
Auch gegen diesen Kreuzfahrt-Tourismus wehren sich die Umweltschützer. Ungeklärt ist etwa die Belastung der Luft durch das Schweröl der Riesenschiffe. Bei den Protesten finden sich Vertreter aus Barcelona, Lissabon und Venedig – eine Internationale der Tourismus-Geschädigten.
"In Venedig bringen diese Schiffe nicht nur zu viele Touristen, sie beschädigen vor allem die Umwelt, die Fundamente der Häuser, den Meeresboden, die Luft – sie bedrohen unsere Stadt", erzählt Maria Fiano von der Umweltgrupppe Venedig.
Grenzen beim Tourismus
Für die Verantwortlichen bleibt es ein schwieriger Spagat, denn der Tourismus ist das Rückgrat der mallorquinischen Wirtschaft. 12 Milliarden Euro haben die Besucher im letzten Jahr hier ausgegeben.
"Wir wissen, dass wir vom Tourismus direkt abhängen – und deswegen müssen wir ihn pflegen. Damit wir auch langfristig einen Tourismus ohne Probleme haben. Auch deswegen brauchen wir Grenzen beim Wachstum", findet Gabriel Barceló.
Die Rentner Manel und Jaume zeigen uns noch einen Strand mitten in einem Naturschutzgebiet. Überall liegt Müll. Noch einmal sagen sie: so kann es nicht weitergehen. Es muss mehr Kontrollen geben.
Mallorca ist auf der Suche nach einem friedlichen Zusammenleben von Urlaubern und Einheimischen. Es bleibt eine schwierige Balance.
Autor: Stefan Schaaf/ARD Studio Madrid
Stand: 16.07.2019 05:47 Uhr
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