Mo., 10.09.18 | 04:50 Uhr
Das Erste
Ruanda: Starke Frauen
In keinem Land der Welt sitzen so viele Frauen im Parlament wie in Ruanda, insgesamt 67 Prozent. Männermangel nach dem Genozid ist ein Grund dafür, aber nicht der einzige. Das kleine afrikanische Land fördert Frauen und sie übernehmen Verantwortung in allen Bereichen der Gesellschaft.
Für Technik hat sie sich schon immer interessiert. Seit sechs Jahren arbeitet Sylvie Abigayire als Automechanikerin und repariert die Elektronik diverser Luxuskarossen. "Ein Kunde hat sich mal sehr verletzend geäußert, als er sah, dass ich sein Auto repariere. Er sagte, eine Frau kann das nicht. Mein Chef hat ihn aber überzeugt, mir eine Chance zu geben und am Ende hat er zu dem Kunden gesagt: Schauen Sie mal, wem gegenüber sie da so respektlos waren. Ihr Auto ist wieder ganz!" Ihre Kollegen haben Sylvie schnell akzeptiert. Sie ist in dieser Werkstatt die einzige Frau, die an Autos herumwerkelt. Sylvies Traum ist es, irgendwann eine eigene Werkstatt zu haben.
Noch ein weiter Weg zur Gleichberechtigung
In ihrem Garten kann Peace Sesengura sich wunderbar entspannen. Blumen gilt die ganze Leidenschaft der Journalistin und Frauenrechtlerin. "Wenn man eine Blume nicht respektiert, stirbt sie. Auch Frauen, die nicht respektiert werden, scheitern im Leben." Erstaunlich, dass es dieses kleine Land in Afrika an die Spitze der Staaten geschafft hat, die Frauen besonders fördern.
Noch vor einem Vierteljahrhundert war Ruanda für etwas anderes in den Schlagzeilen: einen der grausamsten Völkermorde, die es je gab.
Unzählige Frauen blieben verwitwet zurück und bauten ihr Land wieder auf. Heute sitzen in Ruanda weltweit die meisten Frauen in einem Parlament. Die Regierung hat viel für Frauen getan: so wird sexuelle Gewalt bestraft, Abtreibung ist in bestimmten Fällen erlaubt, Mutterschutz gesetzlich verankert. Juliana Kantengwa ist seit fast 20 Jahren für die Regierungspartei dabei. "Der Faktor Völkermord hat völlig entstellt, was wir als Land einmal waren. Danach haben wir versucht, verschiedene Strategien zu entwickeln, um damit umzugehen. Eine dieser Strategien war es, Frauen mit nicht-traditionellen Rollen in der Gesellschaft zu betrauen." Dadurch entstand ein Umfeld, in dem Frauen sich entwickeln konnten.
Die Hobbygärtnerin Peace Sesengura moderiert eine wöchentliche Sendung zu Frauenthemen. Heute geht es um Teenager-Schwangerschaften, die ein großes Problem sind. Zwei Mädchen, die sie eingeladen hatte, haben aus Scham kurzfristig abgesagt. Die jungen Männer bestätigen das Klischee, Mädchen seien zum Teil selbst schuld, wenn sie schwanger würden. Die eigene – männliche – Verantwortung wird kaum hinterfragt. "Auf der einen Seite ist Ruanda ein Paradies für Frauen", meint Peace Sesengura, "weil Frauen festgelegte Rechte haben. Wir haben viele Gesetze, die Frauen schützen, aber wegen unserer Kultur ist es bis zur Gleichberechtigung noch ein weiter Weg. Es gibt viele Menschen, die sich auf Tradition berufen und nichts ändern wollen."
Ehepaar-Training für eine gute Partnerschaft
Auf dem Land legen noch mehr Männer Wert auf diese 'Kultur'. In diesem Ehepaar-Training einer Hilfsorganisation für Gleichberechtigung geht es darum, wie eine gute Partnerschaft gelingen kann. Aus tausenden Bewerbungen sind auch Adeline und ihr Mann Epaphrodite ausgewählt worden. Die heutige Übung lautet: malt Paare, die sich gegenseitig wertschätzen und sich vertrauen. "Die hier sind gleichberechtigt", erklärt Epaphrodite. "Sie haben beide gleich viel Geld und entscheiden gemeinsam, was damit angeschafft wird." Für ihn eine eher neue Erkenntnis. Seit drei Monaten gehen Adeline und ihr Mann jede Woche zum Paar-Training
Die beiden sind Landwirte und haben fünf Kinder. Bislang haben sie eher eine klassische afrikanische Beziehung geführt. Er hat viel Geld für Alkohol verprasst. "Er kam immer zu mir und sagte, ich habe gehört, du hast mit einem anderen Mann gesprochen. Warum machst Du das? Was ist los? Und bevor ich irgendwas sagen konnte, hat er mich geschlagen", beklagt sich Adeline Nikuze. "Das hat unserer Beziehung natürlich geschadet, auch dem Geschäft. Aber jetzt setzen wir uns gemeinsam nach der Ernte hin und überlegen, wie wir am besten wirtschaften". Epaphrodite hat inzwischen aufgehört zu trinken und hilft jetzt zu Hause mit. Eine kleine Sensation. "Ich verstehe jetzt erst, dass es wichtig ist, zusammen zu arbeiten und gleichberechtigt zu sein. Früher dachte ich, es ist allein ihre Aufgabe, sich um den Haushalt zu kümmern und zu kochen. Wenn sie nicht da war oder krank, gab es nichts zu essen."
Nach ihren Talkshows ist Peace Sesengura oft nachdenklich. Für Gleichberechtigung zu kämpfen ist auch im fortschrittlichen Ruanda nicht leicht. "Männer müssen verstehen, dass sie mit Frauen zusammenarbeiten müssen. Nur so können sie sich gegenseitig helfen, finanziell und wirtschaftlich weiterzukommen." Zur Entspannung trifft Peace sich mit ihren Freundinnen gerne in einer Bar. Die Frau, die eine Vorreiterin von Frauenpower in Ruanda ist, singt beim Karaoke am liebsten romantische Schlager. Das lässt sie sich von niemandem nehmen.
Autorin: Sabine Bohland, ARD-Studio Nairobi
Stand: 28.08.2019 02:16 Uhr
Kommentare