Mo., 18.01.16 | 04:50 Uhr
Das Erste
Schweden: Schweigekartell um sexuelle Übergriffe?
Nein, richtig wohl fühlt sich Nasim Sahar in diesen Tagen nicht. Der Vorsitzende des Afghanischen Vereins in Schweden muss immer wieder erklären, warum so viele junge Afghanen an den Übergriffen auf Mädchen und junge Frauen beteiligt waren. Es liege an der Rolle der Frau in der afghanischen Gesellschaft: "Die Mehrheit der Frauen lebt in Unterdrückung, die es in allen Familien und in der ganzen Gesellschaft gibt. Männer dürfen mit drei oder vier Frauen verheiratet sein zur selben Zeit."
Wenig Respekt gegenüber Frauen
Empört ist Nasim über die Attacken, aber viele der jungen Männer seien nun einmal geprägt von Frauenverachtung in ihrer Heimat: "Manchmal habe ich gehört, als ich in Afghanistan war, dass die Frau als ‚meine Matratze‘ bezeichnet wird." Die Empörung in Schweden ist groß, seit ein paar Tagen, seit durch die Kölner Ereignisse bekannt wurde, dass es auch hier zu sexuellen Belästigungen gekommen ist. Es geht um dieses Musikfestival in der Stockholmer Innenstadt und um das, was vielen Mädchen und jungen Frauen hier widerfahren ist. Hier ist es in den vergangenen Jahren zu zahlreichen sexuellen Belästigungen gekommen, an denen viele junge Afghanen beteiligt gewesen sein sollen.
Vera Söderström wurde im vergangenen Sommer massiv bedrängt. Sie traut sich, öffentlich davon zu erzählen: "Da waren Gruppen von Männern, die sind rumgelaufen, als wenn sie nach Mädchen gesucht haben. Und wenn sie sie gefunden haben, dann haben sie sie umzingelt und überall angefasst."
Die Behörden wussten früh von den Übergriffen und davon, dass viele der Verdächtigen als Einwanderer nach Schweden gekommen sind. Aber in den Berichten verschwieg die Polizei die Attacken und die Herkunft der Verdächtigen.
Die Herkunft der Verdächtigen soll nicht genannt werden
Varg Gyllander von der Polizei Stockholm verteidigt diese Haltung: "Die Polizei war der Meinung, dass es in diesem Fall nicht wichtig war. Die Justiz kann ja später zu einer anderen Einschätzung kommen, aber die Polizei sollte nicht über die Herkunft von Verdächtigen sprechen. Jetzt, sechs Monate später, können wir sagen, dass es doch relevant war. Damals war es das aber nicht für uns."
Der Polizeisprecher musste jedoch inzwischen einräumen, dass es eine interne Anweisung gibt, die Herkunft von Verdächtigen zu verschweigen. Hat die schwedische Polizei wichtige Informationen vertuschen wollen? Oder ging es darum, in der aufgeheizten Debatte rund um die vielen Flüchtlinge nicht als Rassisten abgestempelt zu werden?
Nachdem eine große Tageszeitung das lange Schweigen der Polizei aufgedeckt hat, hagelt es Kritik von allen Seiten. Der sozialdemokratische Regierungschef fordert das, was Politiker in solchen Fällen immer fordern: Eine Untersuchung, die das Verhalten der Polizei und die Ereignisse auf dem Festival aufklären soll.
Die Fremdenfeindlichen profitieren
Stefan Löfven, Ministerpräsident Schweden: "Ich bin wütend, wenn ich die Berichte über die Ereignisse in Köln und Stockholm lese. Die Schuldigen müssen bestraft werden. Ich unterstütze die Untersuchungen, die den Ereignissen auf den Grund gehen sollen." Politisch profitiert derzeit wieder einmal die rechte fremdenfeindliche Partei der Schwedendemokraten, die seit ihrem Erfolg bei der vergangenen Parlamentswahl immer weiter zulegen konnten und inzwischen in den Umfragen stabil über 20 Prozent liegen.
Nasim Sahar vom Afghanischen Verein in Schweden ärgert sich über das lange Schweigen der Polizei. Das habe die Situation nur noch schlimmer gemacht. Jetzt gehe es vielen doch nicht mehr um die Aufklärung der Übergriffe, sondern darum, woher die Verdächtigen stammen: "So eine Sache führt doch dazu, dass die Menschen denken, alle Afghanen, die herkommen, sind die Ursache für diese Übergriffe. Wir verurteilen so etwas auch, wir alle sind betroffen, ich auch. Niemand sollte so etwas akzeptieren."
Alleingelassene Opfer
Lange hat Vera Söderström mit ihrer Freundin überlegt, ob sie von den Attacken auf dem Festival berichten soll. Sie hat sich so hilflos gefühlt, so allein gelassen. Sie will, dass die Polizei die Täter ermittelt: "Mir geht es nicht um den Hintergrund, die Herkunft und die Hautfarbe. Hier geht es um Benehmen, es geht darum, wie man erzogen wurde. Ist es richtig, Frauen zu begrapschen? Nein! Dann macht man es nicht. Aber wenn man zuhause solche Dinge nicht lernt, dann weiß man es vielleicht auch nicht."
Im Sommer will sie wieder dabei sein, bei dem Festival, ihren Spaß haben, denn Vera mag die Musik. Sie will sich aber auch sicher fühlen. Schließlich habe sie doch nicht Schuld gehabt, an dem, was geschehen ist: "Es ist nie der Fehler des Opfers. Es ist der Fehler von denen, die grapschen. Denen muss man die Schuld geben."
Beim nächsten Festival soll mehr Sicherheitspersonal für besseren Schutz sorgen. Und jungen Einwanderern sollen die Rechte von Frauen und Mädchen zukünftig noch intensiver vermittelt werden.
Autor: Clas Oliver Richter, ARD Stockholm
Stand: 10.07.2019 13:46 Uhr
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