So., 30.03.25 | 23:05 Uhr
Das Erste
Neue Sachbücher über eine Welt im Umbruch und "Pop-Up-Propaganda"
Momentaufnahmen und Analyse auf der Höhe der Zeit
Um die gewaltvolle Neuordnung der Welt kreisen viele neue Sachbücher. Politikwissenschaftler Herfried Münkler appelliert in seinem neuen Buch "Macht im Umbruch", Deutschland sollte sich als neue Macht der Mitte engagieren.
Deutschland als neue Macht der Mitte?
"Der bei Weitem größte und stärkste Akteur innerhalb der Europäischen Union muss Führungsfähigkeit zeigen. Oder wie der polnische Außenminister Sikorski gesagt hat: 'Mehr als ein starkes Deutschland fürchte er ein schwaches Deutschland.' Das sollten sich vermutlich die Politiker der sich jetzt bildenden Regierung an die Wand heften und jeden Morgen davor drei Minuten knien, damit das sackt", meint Münkler.
Herausforderungen im 21. Jahrhundert: USA und Russland

"Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts" lautet der Untertitel seines neuen Buches. Zu den vielen Herausforderungen gehören neben Russlands Krieg gegen die Ukraine auch Europas bisher wichtigster Verbündeter: die USA und ihr Präsident Donald Trump.
Dass Trumps Politik dem Prinzip folge, das einzig Gewisse ist das Ungewisse, damit habe er gerechnet, sagt Münkler. Überraschend sei das Tempo und das hohe Maß an Destruktivität. Die USA sind aus seiner Sicht nicht mehr bereit, Europa zu unterstützen. Und davon profitiere vor allem Wladimir Putin.
Rückkehr des Eisernen Vorhangs

Michael Thumann ist Russland-Korrespondent der Wochenzeitschrift "Die Zeit", er kennt das Land seit Jahrzehnten. Sein Buch "Eisiges Schweigen flussabwärts" schildert eine Reise von Moskau nach Berlin, die Abriegelung der Grenzen.
Er nennt es die Rückkehr des Eisernen Vorhangs: "In dieser Situation, in der man sich dort befindet, an diesem Grenzübergang, glaubt man wirklich, man sei an das Ende der Welt gekommen und man spürt eine harte Teilung unseres Kontinents, die, wie ich fürchte, sehr lange bestehen bleiben wird."

Bei seinen Lesungen erlebt Michael Thumann oft, dass seine Zuhörer ein ganz anderes Bild von Russland haben. Viele Menschen könnten sich nicht vorstellen, wie stark sich Russland in seinem Inneren verändert, so Thumann.
Vor allem in den vergangenen drei Kriegsjahren gegen die Ukraine sei das Land in ein totalitäres System der kompletten Überwachung gerutscht. "Ich muss mir manchmal selbst die Augen reiben, wenn ich mich erinnere: Vor zehn, 20 Jahren war es tatsächlich ein ganz anderes Russland."
Putins Propaganda vergiftet die Gesellschaft nicht nur in Russland

In den ersten Tagen nach dem Großangriff auf die Ukraine gab es noch Proteste auf den Straßen. Die Demonstranten wurden verhaftet, viele zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt. Was das Regime im Kreml an der Macht hält, ist aber nicht nur repressive Gewalt.
Dass in Moskau und anderswo längst wieder Ruhe herrscht, liegt auch an der allgegenwärtigen Propaganda des Staates: Ein Geflecht von teils widersprüchlichen Lügen, das den Menschen buchstäblich den Verstand raubt.
So schildert es Irina Rastorgueva in ihrem Buch "Pop-Up-Propaganda – Epikrise der russischen Selbstvergiftung", für das sie jetzt den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch erhalten hat.

"Russische Propaganda ist heute überall. Sie ruiniert alles. Und das ist sehr wichtig zu verstehen: Welche Narrative verbreitet Propaganda und wie? Weil Propaganda spaltet die Gesellschaft. Und das passiert jetzt auch hier."
Seit einigen Jahren lebt Irina Rastorgueva in Berlin. Dass sie in ihre Heimat zurückkehren kann, daran glaubt sie nicht. Die absolute Willkür, die dort herrscht, hat sie für ihr Buch in einen Comicstrip verwandelt.
Zeitenwende für Europa: Was heißt, die Realität erkennen?
"Wir brauchen jetzt Frieden", sagt Rastorgueva. Andererseits: "Jeden Tyrannen kann man nur mit Macht besiegen, mit Macht oder mit Kraft oder mit Gewalt. Um Frieden zu haben, müssen wir die Ukraine beschützen und uns auch", ist sie überzeugt.
Die Realität erkennen und der Propaganda trotzen: Die Zeitenwende bedeutet mehr als eine Investition in Militärausgabe, sie erfordert einen Bewusstseinswandel, erklärt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Die Europäer müssten "das Portfolio der Machtsorten auffüllen": Sie bräuchten nicht nur politische und wirtschaftliche Macht, sondern auch militärische, "und natürlich auch so etwas wie eine kulturelle Attraktivität". Das sieht er nicht als Selbstzweck:
"Europa muss in der Lage sein mitzuspielen als Akteur, der wirklich konsequent dem demokratischen Rechtsstaat anhängt."
Autorin TV-Beitrag: Petra Böhm
Stand: 30.03.2025 22:18 Uhr
Kommentare