Mo., 21.12.15 | 04:50 Uhr
Das Erste
Libyen: Leichte Beute für den IS?
Tripolis International Airport – einer der gefährlichsten Flughäfen der arabischen Welt. Seit dem Sturz Gaddhafis im Jahre 2011 musste er wegen blutiger Kämpfe immer wieder gesperrt werden. Von derlei Problemen lässt sich Hubschrauberpilot Mohammed el-Dam nicht abschrecken. Der alte Hase hat 32 Jahre im Cockpit hinter sich und findet es gerade heutzutage wichtig, fliegend seinem Land zu dienen, gerade weil die Straßen wegen marodierender Milizen viel zu unsicher sind: "Wir bieten alle Formen humanitärer Dienste an, um die Zivilgesellschaft in Libyen zu unterstützen. Wir fliegen Waren, Medikamente, Verletzte und Patienten zu jedem Ort."
Die letzten schweren Holzkisten werden in die russische Mi 171 verladen. Man will uns nicht sagen, was sich darin befindet. Doch der Auftrieb von so vielen Beamten deutet darauf hin, dass es sich um eine sehr wertvolle Ware handeln muss. Tripolis aus der Vogelperspektive, die libysche Hauptstadt am Mittelmeer. Wenn das extrem ölreiche Land einmal zur Ruhe käme, wäre es in kürzester Zeit eines der reichsten in der ganzen Region. Doch danach sieht es beileibe nicht aus. Bewaffnete Milizen bekämpfen sich und potenzieren das Chaos, das die beiden verfeindeten Regierungen angestiftet haben. Genau deshalb ist Captain Mohammeds Job so wichtig: er und seine 17 Kollegen bewahren mit ihren Flügen das Land vor einem sofortigen Kollaps. Umgerechnet 300 Euro verdient er im Monat für seinen gefährlichen Job, der ihn heute in die Wüstenstadt Beni Waleed führt, 180 Kilometer südöstlich der Hauptstadt.
Rudimentäre Sicherheitsvorkehrungen, um den Konvoi abzusichern. Mittlerweile ist zu uns durchgedrungen, dass unser Flug eine geradezu historische Bedeutung hat: In den Kisten befinden sich die neuen libyschen Banknoten, die heute zum ersten Mal ausgeliefert werden, umgerechnet mehrere Millionen Euro. Ein Transport auf dem Landweg scheidet aus naheliegenden Gründen aus: das Geld wäre eine leichte Beute für die bewaffneten Wegelagerer. Die letzten Kilometer bis zum Tresor aber geht es dann doch im ungesicherten Pickup. Fünf Tage zuvor, auf dem Weg von Tripolis nach Misrata: die Lage im Lande hat sich dramatisch verschlechtert. Zwischenstopp an jenem Checkpoint, an dem wir noch im Mai gedreht hatten.
Angriffe des Islamischen Staats auf Checkpoints
Der Militärposten liegt seit dem 24. November in Trümmern. Ein Selbstmordattentäter des sogenannten Islamischen Staates hatte seine Autobombe zur Detonation gebracht; fünf Menschen starben. Von nun an verfolgen uns solche Hiobsbotschaften: zu welchem Posten wir auch kommen, überall die gleiche Geschichte. Auch der Checkpoint Daffneyya, 30 Kilometer westlich von Misrata wurde vom IS angegriffen: der Attentäter zündete seinen Sprengsatz, als die Sicherheitsbeamten versuchten, ihn zu stoppen. Seitdem liegen die Nerven der Militärpolizisten blank. Für die nächsten Monate rechnen Experten mit verstärkten Anschlägen überall im Lande. Militärpolizist Abd-al-Nasser Mahjob al-Turki ist skeptisch: "Wir glauben, dass hier alles passieren kann.
Jede Sekunde kann ein zweiter Anschlag stattfinden. Wir müssen Gott vertrauen und ihn um seine Hilfe bitten." Fotos vom Sprengstoff, den die Attentäter benutzen, gespeichert auf dem Handy des Geheimdienstchefs von Misurata. Von neun Checkpoints ist jeder einzelne bereits angegriffen worden. Colonel Ismail Shukri, Militärgeheimdienst Misrata erklärt uns: "Diese Extremisten kämpfen nicht an den bekannten Fronten. Sie bilden geheime Zellen und verüben Anschläge. Um das verhindern zu können, benötigen wir ausgebildetes Personal und moderne, technische Ausrüstung." Wir sprechen mit geflohenen Einwohnern aus der Stadt Sirt, die der IS zu seiner libyschen Hochburg gemacht hat.
Die Männer wollen, weil sie noch immer Verwandte in Sirt haben, auf keinen Fall erkannt werden: "Nicht nur, dass sie Menschen umbringen; auch wie sie es tun, ist gegen die menschliche Natur. Besonders weh tut es, wenn wir hören, dass einer unserer Freunde getötet wurde und sein Leichnam auf einem Müllhaufen gelandet ist." Termin mit dem libyschen Chefankläger. Seine Analyse: der Eroberungsfeldzug des IS läuft ähnlich wie in Syrien ab und bedroht Libyen mittlerweile in seiner Existenz. Sadik al-Sour, Generalstaatsanwalt Libyen: Die Extremisten arbeiten bereits seit Monaten daran, Libyen zu ihrem neuen Einflussbereich zu machen. Der IS ist dabei, überall zu expandieren. Solange es keine Einheit gibt, und keine gemeinsame Einsatzzentrale, wird die Gefahr für das ganze Land immer größer."
Treffen mit IS-Kämpfer
Wir dürfen die Vernehmung eines ranghohen IS-Terroristen drehen, der vor drei Monaten verhaftet wurde. Seine Abkommandierung aus Syrien, wo er eng mit IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi zusammenarbeitete, nach Libyen – ein weiteres Indiz für die Errichtung eines Ersatzkalifats am Mittelmeer. Der Terrorist beharrt: "Diejenigen, die nicht die Gesetze der Scharia befolgen, werden wir jagen, wo immer auf der Welt sie auch sind. Ich würde all das, was ich als meine Verpflichtung ansehe, immer wieder tun, als Zeichen der Reue vor Gott." Zurück in der Wüstenstadt Beni Waleed: unser Minikonvoi hat schließlich die Filiale der libyschen Zentralbank erreicht.
Afrikanische Tagelöhner, die sich das Geld für eine Schiffspassage ins gelobte Europa verdienen wollen, sind angeheuert worden, um die schweren Kisten in den begehbaren Tresor zu schleppen. Auf dem kleinen Flugplatz hat Captain Mohammed seinen Transporthubschrauber schon wieder gestartet. Der Familienvater glaubt an seine Mission: Die Instabilität und die Gewalt macht unsere Arbeit immer schwieriger. Aber wir fliegen trotzdem weiter. Wir bringen Medizin, Banknoten, Impfstoffe oder auch Friedensdelegationen in alle Regionen unseres Landes. Unsere humanitäre Arbeit wird nicht aufhören. Libyen wird weiter leben! Wir starten – es geht zurück nach Tripolis, Hauptstadt einer zerfallenden Nation. Captain Mohammeds Tagewerk ist bald getan: Neues Geld für Libyen, doch von Hoffnung keine Spur.
Autor: Thomas Aders, ARD Kairo
Stand: 10.07.2019 09:02 Uhr
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